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Kernsysteme 2013: Big Bang oder sanfte Migration?

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Wer veraltete Kernwendungen modernisieren möchte, kann dies in einem großen oder mehreren kleinen Schritten tun. Wofür sich Banken entscheiden, hängt nicht zuletzt von ihrer Größe ab. Über das „Wie“ wird heftig diskutiert, über das „Ob“ dagegen nicht mehr.

Mobile Anwender, strenge Regularien, anspruchsvolle Kunden – das Haltbarkeitsdatum vieler Legacy-Systeme ist angesichts wachsender Anforderungen längst überschritten. Vor einiger Zeit prägte Gartner den Begriff „IT-Schulden“. Gemeint ist damit der Betrag, den eine Bank aufbringen müsste, um alle ihre Anwendungen gleichzeitig zu erneuern. Mittlerweile stehen Banken, die in den letzten Jahren zu wenig in IT investiert haben, vor einem Schuldenberg. Er soll im Schnitt bis 2017 jährlich um 9 Prozent weiterwachsen. Laut Gartner könnte dies in den nächsten Jahren sogar eine „IT-Schuldenkrise“ auslösen – mit unabsehbaren Folgen für die einzelne Bank und die gesamte Branche.

Die Zeiten des Abwartens und Verschiebens sind also vorbei. Doch wie lassen sich Anwendungen heute sinnvoll ersetzen? Mit einem risikoreichen Big Bang, der schnelle Vorteile bringt? Oder doch lieber nach der evolutionären Methode, die geringere Risiken birgt, bei der sich aber die Erfolge nur schrittweise einstellen?

Kleine Banken wagen den großen Schritt.

Große Banken entscheiden sich meist nicht für den Big Bang, weil sie ihr Geschäft während der Umstellung kaum aufrecht erhalten könnten. Die Risiken sind kaum zu überblicken, ein Scheitern hätte fatale Folgen. Während die Kolosse schwer zu manövrieren sind, können kleinere Spezialbanken meist schneller umsteuern. „Häufig lassen sich größere Migrationsprojekte innerhalb weniger Monate umsetzen, das System geht an einem Wochenende in Betrieb“, erzählt Jan Ph. Wieners. Der afb-Vorstand kennt die Herausforderungen der Konsumkreditbanken aus langjähriger Praxis.

Und er weiß um die Vorteile des Big Bangs: „In Zeiten niedriger Margen im Kreditgeschäft können es sich Banken schlicht nicht mehr leisten, mehrere veraltete Core-Banking-Systeme zu betreiben. Je schneller sie diese beseitigen, desto besser.“ Außerdem schafft eine integrierte Lösung eine integrierte Kundensicht. Nicht das einzelne Konto oder der einzelne Kreditvertrag steht heute im Zentrum, sondern der Wert des Kunden für die Bank. Wer schrittweise migriert, frustriert zudem vielfach seine Mitarbeiter und Geschäftspartner. „Dem Berater im Autohaus oder Elektronikcenter ist kaum zu vermitteln“, sagt Wieners, „warum er im Kredit- und Leasinggeschäft mehrere Monate gleichzeitig mit einem alten und neuen System arbeiten soll.“

Damit der Big Bang gelingt, ist allerdings einiges an Vorarbeit zu leisten. Geschäftsprozesse sind zu standardisieren, die Organisation zu integrieren, die nötige Technik zu implementieren. Notfallpläne müssen erarbeitet werden, da ja der Zeitplan in jedem Fall einzuhalten ist. Gleichzeitig muss die Bank Führungskräfte, Mitarbeiter an der Basis und eventuell auch Geschäftspartner in das Projekt einbinden, damit sie das Projekt mittragen. Viele Institute vertrauen bei diesen Aufgaben aus Zeit- und Kostengründen auf externe Expertise. Gerade IT-Abteilungen kleinerer Spezialbanken sind nämlich bereits mit dem alltäglichen IT-Betrieb ausgelastet.

Per Salamitaktik zum Ziel

Wer sich statt für den Big Bang für ein schrittweises Vorgehen entscheidet, tut dies ebenfalls aus guten Gründen: Er möchte das Risiko minimieren oder sehen, wie sich neue Module und ihre Funktionen in der Praxis bewähren. Häufig sind IT-Landschaften von Banken äußerst komplex und 30 oder gar 40 Jahre alt, so dass ein Big Bang einfach nicht mehr möglich ist. Hier geht es darum, jede Architekturkomponente so zu isolieren, dass sie sich ohne Einfluss auf den Rest des Systems managen lässt. Danach kann die Bank die Komponenten nacheinander mit geringerem Risiko austauschen. Allerdings ist der Zeit- und Kostenaufwand entsprechend höher und der Doppelbetrieb von Alt und Neu sollte den Anwendern möglichst verborgen bleiben. Sie sollen uneingeschränkt von Verbesserungen profitieren.

Letztlich entscheidet wohl die Größe und Komplexität der Migrationsaufgabe, ob eine Bank ihre Kernsysteme über ein großes oder lieber über mehrere kleinere Projekte migriert. Bereits in dieser wichtigen Entscheidungsphase helfen erfahrene Partner.

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